Dr. med. Cecilia Bonhag - Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Autistische Störungen

Autistische Störungen sind tiefgreifende Entwicklungsstörungen. Beschrieben wurde das Erscheinungsbild des Autismus erstmals vom Kinderpsychiater Leo Kanner 1943. Das von ihm beschriebene Krankheitsbild entspricht dem frühkindlichen Autismus oder auch "Kanner-Syndrom". Unabhängig hiervon beschrieb der österreichische Kinderarzt Hans Asperger eine weitere Variante einer autistischen Störung, die auch als "Asperger-Syndrom" bezeichnet wird. Daneben gibt es noch andere tiefgreifender Entwicklungsstörungen mit autistischen Zügen, verwendet wird heute auch der Begriff der Autismus-Spektrum-Störungen.

Autistische Störungen kommen weltweit vor, Jungen/Männer sind häufiger betroffen. Die Häufigkeit für das für das Vorkommen von Autismus bei Vorschulkindern wird mit 16,8/ 10 000 (Chakrabarti, Fombonne 2001) und für das Asperger-Syndrom mit 8,4 / 10 000 (Chakrabarti, Fombonne ) angegeben, die Häufigkeit übriger autistischer Störungen liegt bei 36 /10 000.

Etwa ein Drittel der an Autismus erkrankten Kinder leidet gemäß neuerer Untersuchungsergebnisse gleichzeitig unter einer geistigen Behinderung. Gehäuft besteht bei den betreffenden Kindern auch eine Epilepsie (Anfallsleiden), hierunter leiden insbesondere diejenigen mit stark eingeschränkter intellektueller Leistungsfähigkeit.

Häufig sind die Hirnströme (nachweisbar in der EEG-Untersuchung ) bei den Betroffenen verändert, auch finden sich zum Teil biochemische Auffälligkeiten wie ein erhöhter Serotoninspiegel. Daneben konnten durch spezielle bildgebende Untersuchungsverfahren gewisse Abnormitäten in einzelnen Hirnregionen nachgewiesen werden.

Ursachen:

Die Gründe für Autismus bzw. die Entstehungsmechanismen sind bis heute nicht vollständig erforscht. Bekannt ist, dass genetische Faktoren hinsichtlich der Erkrankung eine wesentliche Rolle spielen. Dabei scheint ein Zusammenspiel mehrerer, verschiedener Gene für die Auslösung des Erscheinungsbildes Autismus verantwortlich zu sein. Auch Infektionen während der Schwangerschaft wird ein Einfluss zugeschrieben. Für die Verursachung der autistischen Störung durch Impfungen (z.B. geriet diesbezüglich die Masern-Mumps-Röteln-Impfung in Verdacht) gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Auch sind im Gegensatz zu früheren Vermutungen das Verhalten der Mutter gegenüber dem Kind oder falsche "Erziehungsmethoden" keinesfalls Grund für die Entwicklung einer autistischen Störung.

Erscheinungsbild:

Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom):

Im Wesentlichen ist das Erscheinungsbild des Autismus gekennzeichnet durch eine Störung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und Sprache sowie durch das Vorkommen, sich wiederholender, stereotyper Verhaltensweisen und Interessen.

Die Betroffenen haben erhebliche Schwierigkeiten, Gefühle anderer zu erkennen, deren Gedanken nachzuvollziehen bzw. sich in andere hineinzuversetzen. Sie meiden häufig den Blickkontakt, scheinen wenig Interesse an ihrem Gegenüber zu haben. Selbst zeigen sie wenig Mimik oder Gefühlsäußerung, reagieren auch beispielsweise nicht wie erwartet mit Anteilnahme oder Trost, bei entsprechenden auslösenden Gefühlsäußerungen ihrer Mitmenschen. Autistische Kinder suchen von sich aus in der Regel keinen Kontakt zu Gleichaltrigen, reagieren kaum auf Kontaktangebote ihrer Mitmenschen. Körperkontakt, auch von engen Bezugspersonen wird meist abgelehnt. Durch die beschriebene Problematik haben die Betroffenen in der Regel große Schwierigkeiten im Umgang mit Mitmenschen, können in der Regel keine dauerhafte enge Beziehung zu anderen aufbauen.

Oft besteht eine beeinträchtigte Sprachentwicklung. Bereits im Säuglingsalter können z.T. Auffälligkeiten wie ein fehlendes Imitieren des Tonfalls (Sprachmelodie) der Bezugspersonen beobachtet werden. Nichtgebrauch oder Verwechslung persönlicher Fürwörter wie "Ich", oder Besitzanzeigender Fürwörter wie "mein" , "dein" usw. sind häufig. Beispielsweise sprechen manche der Betroffenen von sich in der 3.Person. Auch Kinder, die eine relativ gute Sprachfertigkeit entwickeln, haben später Schwierigkeiten, sprachliche Äußerungen vollständig zu erfassen. Sie verstehen beispielsweise keine Ironie, Späße, Lügen. Äußerungen werden wörtlich verstanden, hierdurch kommt es zu Missverständnissen. In schweren Fällen entwickelt sich die Sprachfähigkeit gar nicht oder bleibt sehr eingeschränkt. Durch die genannten Einschränkungen im Sprachgebrauch und Sprachverständnis ist die Kommunikationsfähigkeit der betreffenden Kinder massiv beeinträchtigt.

Häufig zeigen autistische Kinder stereotype Verhaltensweisen. So kann beispielsweise oft ein "Wedeln" mit den Armen, Verdrehen von Händen o.ä. beobachtet werden. Manche zeigen eine Vorliebe für Geräusche o.ä. , wiederholen dann entsprechende Bewegungen /Handlungen, um diese Sinneseindrücke immer wieder zu erleben (schlagen beispielsweise Türen wiederholt zu oder erzeugen Geräusche durch Reiben von Gegenständen o.ä.) .Gegenstände werden oft beschnuppert oder abgeleckt. Auch Sonderinteressen können bei Kindern mit Autismus immer wieder beobachtet werden. Die betreffenden Kinder lieben Rituale, reagieren generell schnell irritiert oder verstört, wenn es zu Veränderungen in ihrer Umgebung kommt.

Kinder mit frühkindlichem Autismus zeigen Auffälligkeiten in allen 3 genannten Bereichen, die Störung beginnt bereits in den ersten 3 Lebensjahren.

Asperger-Syndrom:

Der wesentliche Unterschied zum frühkindlichen Autismus besteht in einer meist besseren geistigen Entwicklung. Zudem fehlt die bei frühkindlichem Autismus ausgeprägte Sprachentwicklungsverzögerung bzw. eingeschränkte Sprachfertigkeit und Beeinträchtigung vom Sprachverständnis. Aufgrund ihrer vergleichsweise meist besseren sprachlichen Fähigkeiten und hiermit verbundenen geringeren Einschränkung in ihrer Kommunikationsfähigkeit, werden Kinder mit Asperger-Syndrom meist später erkannt (oft erst im Schulalter) als Kinder mit o.g. frühkindlichem Autismus. Auch sie zeigen jedoch typische, stereotype Verhaltensmuster, die soziale Interaktion mit Mitmenschen ist gestört. In vielen Fällen ist die Symptomatik schwächer ausgeprägt als beim Kanner - Syndrom. In manchen Bereichen verfügen die Betroffenen häufig über ein erstaunliches Wissen und bemerkenswerte Gedächtnisleistungen. Dennoch haben sie aufgrund ihrer Gesamtproblematik trotz oft durchschnittlicher bis guter Begabung schulische Schwierigkeiten.

Andere Formen autistischer Störungen:

Als atypischen Autismus bezeichnet man Fälle, in denen Auffälligkeiten gemäß der Autismuskriterien bestehen, die Sprachentwicklung aber beispielsweise zunächst normal verläuft, oder aber die Ausprägung der Symptomatik nicht alle Kernbereiche erfasst. D.h. es besteht ein untypisches Erkrankungsalter oder ein untypisches Erscheinungsbild der autistischen Störung. Als Autismus-Spektrum-Störung werden hingegen diejenigen Störungsbilder bezeichnet, bei denen die Symptomatik milde ausgeprägt ist und eine Kombination einzelner Störungsbereiche beinhaltet.

Behandlung der autistischen Störungen:

Eine Heilung ist nicht möglich. Verbesserungen in einzelnen Bereichen der Problematik sind jedoch erreichbar. Verlauf und Prognose richten sich nach dem Ausprägungsgrad der Symptomatik und auch der kognitiven (d.h. geistigen) Fähigkeiten der Betroffenen. Die meisten Betroffenen bedürfen auch als Erwachsene einer Hilfe von außen. Ziel der Therapie ist eine Verbesserung der sprachlichen Fertigkeiten, Kommunikation und Interaktionsfähigkeit mit der Umwelt sowie ein möglichst selbständiges Leben. Die Therapie muss langfristig ausgelegt sein, die Art der Therapie an die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Kindes angepasst werden. Verschiedene verhaltenstherapeutische Ansätze und Trainingsprogramme werden eingesetzt. Zum Teil sind ergänzend eine Sprachheiltherapie, Krankengymnastik , Reit- oder Musiktherapie sinnvoll, je nach Situation des einzelnen Patienten. In manchen Fällen ist eine begleitende medikamtentöse Therapie zur Verbesserung begleitender Probleme wie beispielsweise (auto-)aggressives Verhalten o.ä. notwendig. Fortschritte werden nur in kleinen Schritten erzielt, es ist viel Geduld erforderlich.