Dr. med. Cecilia Bonhag - Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Essstörungen

Bei Kindern und Jugendlichen, insbesondere letzteren spielen vor allen Dingen die Anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimia nervosa (Ess-/Brechsucht) eine Rolle.

Anorexia nervosa (Magersucht):

Wörtlich übersetzt bedeutet Anorexie eigentlich Appetitverlust, was irreführend ist, da es sich bei der Magersucht nicht um einen Appetitverlust handelt, sondern in der Regel massive Ängste vor einer Gewichtszunahme bzw. eine verzerrte Wahrnehmung der Figur und das vermeintliche Gefühl, zu dick zu sein, im Zentrum der Problematik steht. Mädchen sind von der Erkrankung wesentlich häufiger betroffen als Jungen, der Häufigkeitsgipfel des Erkrankungsbeginns liegt bei etwa 15 Jahren. In den letzten Jahrzehnten ist es Studien zufolge zu einem Anstieg der Erkrankungsrate bei 15-24 -Jährigen gekommen. In dieser Altersgruppe von Mädchen und Frauen beträgt der Anteil der unter Magersucht leidenden etwa 1 Prozent (American psychiatric Association). Die Anorexia nervosa tritt vorwiegend in industrialisierten Ländern auf.

Erscheinungsbild:

Die Betroffenen schränken ihre Nahrungsaufnahme in der Regel zunehmen ein, bis hin zu einer völligen Verweigerung der Mahlzeiten. Hierdurch kommt es oft zu einer raschen und teils dramatischen Gewichtsreduktion, die schwerwiegend Komplikationen bis hin zum tödlichen Ausgang zur Folge haben kann. Oft beginnt die Erkrankung schleichend mit einer Vermeidung von hochkalorischer Kost, ehe die Nahrungsrestriktion sich ausweitet und schließlich nur noch geringste Nahrungsmengen verzehrt werden. Um die Gewichtsabnahme zu beschleunigen werden teilweise zusätzliche Maßnahmen wie exzessive Bewegung, selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln und ähnliches genutzt. In der Regel sind auch ein sehr langsames Essen und unverhältnismäßiges Zerkleinern der Nahrung zu beobachten. Die Patient(inn)en beschäftigen sich gedanklich zunehmend mit dem Thema Essen/ Figur/ Gewicht, vernachlässigen oft im Weiteren ihre früheren Freizeitinteressen. Häufig kommt es im Verlauf zum sozialen Rückzug. Die Betroffenen leiden vielfach unter einer Stimmungsverschlechterung, bzw. vermehrten Reizbarkeit sowie Schlafstörungen. Trotz der zum Teil massiven Gewichtsreduktion erzielen die Jugendlichen lange Zeit oft noch erstaunlich gute schulische Leistungen, ehe es letztlich häufig auch zu Leistungseinbußen aufgrund von Konzentrationsstörungen kommt.

Vielfach werden die Betroffenen von den Eltern als vor Erkrankungsbeginn eher übermäßig angepasst", ehrgeizig und vernünftig beschrieben. Oft zeigen die Patient(inn)en perfektionistische, zwanghaft anmutende Verhaltensweisen, verfügen in vielen Fällen nur über ein geringes Selbstwertgefühl.

Körperliche Komplikationen der Gewichtsabnahme sind u.a. Kreislaufschwäche mit niedrigem Blutdruck, Verlangsamung des Herzschlages, ggf. Herzrhythmusstörungen, Durchblutungsstörungen mit kühlen, häufig livide(bläulich) verfärbten Zehen und Fingern, trockene Haut mit Haarausfall und oft Lanugo-Behaarung (Flaumbehaarung), Ausbleiben der Menstruation bei Mädchen sowie Libido-/Potenzverlust beim männlichen Geschlecht, Verdauungsstörungen (oft Verstopfung). Schmerzen des Bewegungsapparates können durch eine Osteoporose bedingt sein, die sich bereits nach kurzem Krankheitsverlauf ausbilden kann. Tritt die Magersucht in jungem Alter auf, können Wachstum und Pubertät zum Stillstand kommen.

Ursachen der Erkrankung:

Es wird ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Magersucht angenommen. Forschungsergebnisse deuten auf eine genetische Beteiligung hin. Studien ergaben beispielsweise eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit für eine Essstörung bei Verwandten 1.Grades von Patient(inn)en gegenüber der Normalbevölkerung (Lilienfeld et al., Strober et alt..). Als begünstigend für die Entwicklung einer Essstörung erweisen sich gesellschaftliche Einflüsse. Das heute weit verbreitete Schlankheitsideal führt häufig zu einer Verringerung des Selbstwertgefühls bei Mädchen und jungen Frauen, die dem Ideal nicht zu entsprechen glauben und bedingen hierdurch ein erhöhtes Risiko für die Betroffenen, an einer Magersucht zu erkranken. Die Pubertät und hiermit einhergehende psychische und körperliche Veränderungen stellen einen weiteren Stressfaktor für Heranwachsende dar. In manchen Fällen spielen familiäre Konflikte eine Rolle bei der Krankheitsentstehung und Krankheitsaufrechterhaltung.

Verlauf und Prognose:

Häufig dauert es Jahre, ehe eine vollständige Heilung eintritt. Trotz Normalisierung des Gewichts bleiben oft lange Zeit noch ein gestörtes Essverhalten und eine gestörte Einstellung zum eigenen Körper bei den Betroffenen zurück. Gemäß der Auswertung mehrerer Studienergebnisse liegt die durchschnittliche Mortalitätsrate (Sterberate) bei Magersucht bei 2,2% (Steinhausen, 1997). Prognostisch günstig für den Heilungserfolg scheint eine möglichst kurze Zeitspanne zwischen Erkrankungsbeginn und einer Behandlung in einer Fachklinik zu sein. Verknüpft mit einer ungünstigen Prognose scheinen hingegen Übergewichtigkeit vor Erkrankungsbeginn, geringes Selbstwertgefühl, zwanghaft-ängstliches Verhalten, soziale Isolierung und ein gestörtes Körperbild zu sein.

Mindestens ein Zehntel der Magersuchtpatient(inn)en bilden im Verlauf eine Bulimia nervosa aus. Bei einem Teil der nicht geheilten Betroffenen entwickeln sich Angststörungen und andere affektive Störungen. Eine depressive Symptomatik ist dabei auch oft bedingt durch den Hungerzustand. Bei einem Teil entstehen Suchterkrankungen im Langzeitverlauf. Vor allen Dingen in den ersten beiden Jahren nach Klinikentlassung kommt es zu einem hohen Prozentsatz zu einem Rückfall, der oft auch die stationäre Wiederaufnahme notwendig macht.

Behandlung der Magersucht:

Neben einer Wiederherstellung des Körpergewichts zielt die Behandlung auf eine Normalisierung des Essverhaltens und auch Körperwahrnehmung sowie Lösung innerpsychischer Konflikte bzw. ggf. Beziehungskonflikte mit den Bezugspersonen ab. Je nach Ausmaß der Gewichtsabnahme bzw. in Abhängigkeit vom psychischen und körperlichen Zustandes der Patientin/des Patienten ist zunächst auch eine stationäre Therapie notwendig. Verschiedene Parameter wie Gewicht, Herz-Kreislaufzustand, ggf. andere Komplikationen dienen dabei als Bewertungsgrundlage. Entscheidend ist auch, ob die Patientin/der Patient Krankheitseinsicht zeigt (zu Beginn der Magersucht oft nicht vorhanden) oder nicht. Sowohl im stationären Bereich als auch während der ambulanten Behandlung kommen verhaltenstherapeutische Interventionen zum Einsatz. Teilweise kann sich ein familientherapeutischer Ansatz als hilfreich erweisen.


Bulimia nervosa (Ess- Brech- Sucht):

Wie bei der Magersucht (Anorexia nervosa) dominiert das weibliche Geschlecht. Der Erkrankungsgipfel liegt im Vergleich zu o.g. Erkrankung jedoch etwas später, bei ca. 18-19 Jahren. Unter den 15-24 -jährigen Mädchen/jungen Frauen leiden etwa 2 Prozent unter der genannten Erkrankung (American psychiatric Association).

Erscheinungsbild:

Typisch für die Bulimie sind wiederkehrende Heißhungerattacken mit Verzehr teils großer Nahrungsmengen. Anschließend versuchen die Patient(inn)en oft die Nahrung durch selbst herbeigeführtes Erbrechen wieder von sich zu geben. Die Folge sind oft deutliche Gewichtsschwankungen. Häufig entwickelt sich die Bulimia nervosa nach erfolglosen Diätversuchen, ein Teil der Erkrankten war in der Vorgeschichte magersüchtig. Durch den Versuch zu fasten kommt es meist zu Heißhungergefühlen, die zu Essanfällen führen, welche kurzfristig zu einem Gefühl der Befriedigung führen. Nur wenig später bedingt die Realisierung des Kontrollverlustes in der Regel bei den Betroffenen ein Gefühl der Reue und Frustration, von Scham- und Schuldgefühlen, welche erneut zu Versuchen der Nahrungskarenz führen mit entsprechenden Gefühlen der Gier und Heißhunger im Tagesverlauf. Es entsteht ein Teufelskreis, den die Patient(inn)en selbst oft nicht zu durchbrechen vermögen. Nicht selten kommen weitere Maßnahmen zur Kontrolle des Körpergewichts wie Missbrauch von Abführmitteln oder Appetitzügler zum Einsatz.

Ähnlich wie bei der Anorexia nervosa leiden die Betroffenen oft unter einem geringen Selbstwertgefühl, fürchten zu dick zu sein oder die Kontrolle über ihr Körpergewicht zu verlieren und beschäftigen sich übermäßig mit dem Thema Figur, Gewicht, Nahrung.

Körperliche Auswirkungen:

Häufig sind Schädigungen des Zahnschmelzes durch den immer wiederkehrenden Kontakt der Zähne mit Magensäure infolge des Erbrechens. U.a. kommt es oft auch zu Schwellungen der Speicheldrüsen, insbesondere Ohrspeicheldrüsen. Durch die Gewichtsschwankungen und hiermit verbundenem Einfluss auf das hormonelle Geschehen im Körper können Menstruationsstörungen auftreten. Verschiedene Komplikationen können im Magen-Darmtrakt entstehen, reichen von einer Entzündung der Speiseröhre bis hin zu einer seltenen, dann jedoch in der Regel tödlichen Ruptur (Zerreißen) des Magens. Das wiederholte Erbrechen führt häufig zu einer Verschiebung der Elektrolyte (Blutsalze), was wiederum Herzrhythmusstörungen zur Folge haben kann.


Manche der Betroffenen zeigen weitere Formen einer Impulskontrollstörungen wie Missbrauch von Drogen und/oder Alkohol, Diebstähle. Hier ist die bulimische Symptomatik u.U. Teil einer komplexen Problematik vor dem Hintergrund einer Persönlichkeitsstörung (v.a. vom Borderline-Typ).

Ursachen der Erkrankung:

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Auch bei der Entstehung der Bulimia nervosa nimmt man ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren an. Als relevant werden eine häufig zu beobachtende Selbstwertproblematik bei oft gleichzeitig bestehender Stimmungsproblematik und unzureichende Impulskontrolle angesehen. Die Betroffenen können ihre Stimmungen und Impulse selbst meist schlecht regulieren. Als Risikofaktoren für die Entwicklung der beschriebenen Essstörung gelten auch das in der Gesellschaft vorherrschende Schlankheitsideal, diätetisches Essverhalten der mütterlichen Bezugspersonen sowie familiäre Konflikte.

Verlauf und Prognose:

Bisherige Studienergebnisse weisen auf eine geringere Mortalitäsrate (Sterberate) als bei der Magersucht hin. Etwa die Hälfte wird vollständig geheilt, bei ca. einem Viertel der Betroffenen kommt es zu einer Besserung der Problematik. Prognostisch ungünstig erweist sich das gleichzeitige Vorliegen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, Selbstmordversuche und Missbrauch von Alkohol bei Patient(inn)en.

Behandlung der Erkrankung:

Die Therapie ist überwiegend im ambulanten Rahmen möglich. Bei ausgeprägter Symptomatik oder schwerwiegenden körperlichen Komplikationen ist jedoch auch hier eine stationäre Aufnahme notwendig. In der Regel kommen verschiedene Therapiemaßnahmen zum Einsatz. Im Rahmen der Psychotherapie werden vorrangig verhaltenstherapeutische Konzepte zur Normalisierung des Essverhaltens verfolgt, gleichzeitig geht es darum, das Selbstwertgefühl der Patient(inn)en zu verbessern, eine verzerrte Wahrnehmung ihrer Persönlichkeit zu korrigieren. Begleitend kann sich der Einsatz einer medikamentösen Therapie als hilfreich erweisen. Hierbei werden insbesondere neuere Antidepressiva (Serotoninwiederaufnahmehemmer-SSRI) eingesetzt, deren Nutzen zumindest in der Behandlung erwachsener Patient(inn)en mit Bulimia nervosa erwiesen ist.